Weckruf für Unternehmen

von Susanne Marell, CEO
  • Studien & Insights
27. März 2017
Edelman Trust Barometer 2017: Weckruf für Unternehmen

Der Brexit, die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, der Erfolg des Populismus in Europa - die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Vertrauensverlust unsere Welt verändern kann. Für Unternehmen ändern sich in diesem Zusammenhang die Rahmenbedingungen, in denen sie agieren. Zusätzlich werden Forderungen nach mehr Regulierungen und protektionistischen Maßnahmen laut. Was bedeutet dies für Unternehmen und deren Geschäftsmodelle?

Seit 17 Jahren untersucht das Edelman Trust Barometer unter Zehntausenden von Menschen in Dutzenden Ländern das Vertrauen in und die Glaubwürdigkeit von Wirtschaft, Medien, Regierungen und NGOs. In den globalen Ergebnissen 2017 sehen wir das erste Mal überhaupt seit Erhebung der Daten einen Rückgang des Vertrauens in alle vier Institutionen parallel. In 21 der 28 befragten Ländern liegt das Vertrauen in Wirtschaft, Medien, Regierungen und NGOs - das Richtige zu tun - unter allen Befragten unter 50 Prozent (Deutschland: 41 Prozent).

Innerhalb der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland hat das Vertrauen in NGOs den größten Dämpfer erhalten. Nur noch 39 Prozent vertrauen ihnen - ein Rückgang um sechs Prozentpunkte. Damit liegen NGOs nur noch knapp vor der Regierung Merkel und ihren Ministern (38 Prozent; minus ein Prozentpunkt). Auch Medien verlieren Vertrauen (42 Prozent; minus zwei Prozentpunkte). Unternehmen in Deutschland hingegen haben leicht an Glaubwürdigkeit gewonnen: plus ein Prozentpunkt auf 43 Prozent.

Globale Vertrauenskrise ist in Deutschland angekommen

Diese weltweite Vertrauenskrise zeichnet sich bereits seit Längerem ab und nimmt langsam dramatische Ausmaße an. Während die informierte Öffentlichkeit - Menschen mit einem überdurchschnittlichen Haushaltseinkommen und einem Hochschulabschluss, die intensiv Medien nutzen - in den westlichen Ländern nach wie vor ein recht stabiles Grundvertrauen in Regierungen, Medien, Unternehmen und in NGOs hat, ist das Vertrauen der breiten Bevölkerung in diese systemrelevanten Institutionen zutiefst erschüttert.

In Deutschland liegt zwischen der Elite und der breiten Masse der Bevölkerung eine Vertrauenskluft von 15 Prozentpunkten. Im Vergleich zum Vorjahr (neun Prozentpunkte) ist das ein signifikanter Anstieg. Nur in Ländern wie USA (21 Prozentpunkte), Großbritannien (19 Prozentpunkte), Frankreich (18 Prozentpunkte) und Spanien (16 Prozentpunkte) ist die Lücke noch größer. Der globale Wert liegt bei 15 Prozentpunkten. Es braucht keinen Trump oder Brexit um zu beweisen: Hier ist gesellschaftlicher Zusammenhalt in Gefahr. Wir haben auch in Deutschland eine tief gehende, langlebige, breit verankerte Vertrauenskrise. Das kann man nicht mehr leugnen oder schönreden.

Führungspersonen haben ein Vertrauensproblem

Inmitten der Vertrauenskrise befinden sich auch CEOs und Regierungsvertreter: Nur 26 Prozent der Befragten in Deutschland (global: 29 Prozent) sagen, dass Regierungsvertreter glaubwürdig sind. CEOs werden - nach dem Anstieg ihrer Vertrauenswerte im Jahr 2016 - in den aktuellen Ergebnissen von nicht einmal mehr jedem dritten Befragten (28 Prozent) für glaubwürdig erachtet - ein Rückgang um 11 Prozentpunkte. Wirklich Vertrauen haben Menschen nur noch in Personen wie Du und ich (Deutschland: 65 Prozent, global: 60 Prozent).

Bei Unternehmenslenkern sollten spätestens jetzt die Alarmglocken läuten: Einerseits besitzen sie eine geringe Glaubwürdigkeit, andererseits bringen die Menschen der Wirtschaft bei der Frage nach dem richtigen Handeln noch das meiste Vertrauen unter den vier abgefragten Institutionen entgegen. Ein gutes Zeichen für Unternehmen? Mitnichten, denn in absoluten Zahlen sind auch ihre Glaubwürdigkeitswerte besorgniserregend: In 13 von 28 befragten Ländern liegt das Vertrauen in die Wirtschaft unter 50 Prozent.

Licence to operate der Unternehmen wankt

Unternehmen müssen sich mit diesem Vertrauensverlust intensiv auseinandersetzen und sich darüber hinaus bewusst sein, welchen Einfluss sie und ihr Handeln auf die Sorgen und Ängste der Menschen haben. Ein Großteil der Befragten in Deutschland befürchtet zum Beispiel den Job zu verlieren, weil Unternehmen Arbeitsplätze in billigere Märkte verlagern könnten (60 Prozent) und der Wettbewerb aus dem Ausland zunimmt (55 Prozent). 62 Prozent geht der Wandel in Wirtschaft und Industrie zu schnell.

Infolgedessen gibt es eine deutliche Haltung der Bevölkerung in Bezug auf Geschäftspolitiken - und diese stellt durchaus eine Gefährdung für Geschäftsmodelle von Unternehmen dar: Über die Hälfte der Befragten in Deutschland sagt, wir sollten keine Freihandelsabkommen abschließen, da sie unseren Arbeitnehmern im eigenen Land schaden. 59 Prozent sind der Auffassung, dass wir die Interessen von Deutschland priorisieren müssen. Zudem sagt die Mehrheit in Deutschland (71 Prozent), dass die Regierung mehr tun sollte, um Arbeitsplätze zu schützen - auch wenn diese Maßnahmen zu einem langsameren Wirtschaftswachstum führen. Das sind deutliche Aussagen - und es ist noch nicht alles.

In diesem Zusammenhang werden konkrete Forderungen der Bevölkerung nach Regulierungen laut: So sagen beispielsweise in Deutschland 77 Prozent (global: 82 Prozent), dass die Pharmaindustrie mehr Regulierung braucht. 55 Prozent sind der Meinung (global: 70 Prozent), dass Lebensmittel mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit zusätzlich besteuert werden sollten. Unternehmen droht, ihre Licence to operate zu verlieren. Und jetzt?

Raus aus der Komfortzone und soziale Verantwortung übernehmen

Menschen trauen Unternehmen am ehesten zu, in dieser Vertrauenskrise die Führungsrolle zu übernehmen und zur Lösung wichtiger gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Die gute Nachricht: Für 73 Prozent der Befragten in Deutschland (global: 75 Prozent) ist es - trotz hohem Misstrauen gegenüber der Wirtschaft - kein Widerspruch, wenn Unternehmen Gewinne erzielen und gleichzeitig wirtschaftliche und soziale Lebensumstände in ihrem Geschäftsumfeld verbessern.

Unternehmen dürfen sich dieser Verantwortung nicht länger entziehen. Sie müssen die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen und mit der Regierung sowie NGOs zusammenarbeiten, um politische Lösungen und Strategien zur Bewältigung der Vertrauenskrise voranzutreiben. Dieser Prozess beginnt mit der Erkenntnis, dass die Welt, in der eine Elite - eben auch CEOs, führende Manager oder ihre Sprecher - Autorität und Einfluss besaß, Vergangenheit ist. Vertrauen und damit Autorität genießen Personen wie Du und ich - also auch der normale Mitarbeiter.

Unternehmen müssen verstehen, dass sie nicht für die Menschen handeln, sondern mit ihnen zusammen. Ohne die Verankerung von sozialer Verantwortung im Geschäftsmodell können wir mit einem weiteren Vertrauensrückgang und anhaltender Unruhe in unserer Gesellschaft rechnen - was beides nicht gut für unsere Wirtschaft ist. Diesen Weckruf dürfen Unternehmen nicht länger ignorieren!

 

Der Artikel ist im Original im Magazin Kommunikationsmanager Ausgabe 1-2017 erschienen.

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