Edelman Trust Barometer 2016: Briten vertrauen ihrer Regierung nicht – war der Brexit vorhersehbar?

  • Studien & Insights
13. Juli 2016

Die konkreten Folgen des überraschenden Brexit-Votums sind noch völlig unklar, doch eine Erkenntnis kann schon jetzt als gesichert gelten: Die britische Politik hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Welche Dimension das Misstrauen der Briten in ihre Regierung hat, zeigt auch das Edelman Trust Barometer 2016. Laut der Umfrage ist das Vertrauen der Briten in Wirtschaftsunternehmen größer als in die politische Klasse des Landes. Beinahe die Hälfte (46 Prozent) der britischen Allgemeinbevölkerung hält Unternehmen für vertrauenswürdiger als die Politik. Nur 36 Prozent sind hingegen der Meinung, die eigene, demokratisch gewählte Regierung verdiene mehr Vertrauen als die Privatwirtschaft.

Doch selbst wenn die Briten Unternehmen stärker vertrauen als ihrer Regierung, verdeutlicht das Trust Barometer 2016, dass das Vertrauen der britischen Bevölkerung in Wirtschaft, Politik, Medien und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im globalen Vergleich sehr gering ist. Nur knapp vier von zehn Briten (42 Prozent) halten diese Institutionen für glaubwürdig. Damit liegt der Inselstaat acht Prozentpunkte unter dem globalen Durchschnitt. Besonders auffällig: Das Vertrauen der informierten Öffentlichkeit, also von Hochschulabsolventen mit relativ hohem Einkommen, in zentrale Institutionen ist wesentlich höher als beim übrigen Teil der Bevölkerung. Die Vertrauenslücke zwischen beiden Bevölkerungsgruppen beträgt 17 Prozentpunkte. Großbritannien liegt damit nur knapp vor dem Schlusslicht USA (19 Prozentpunkte). 

Das ausgeprägte Misstrauen gegenüber zentralen Institutionen in Großbritannien könnte auch das Resultat des EU-Referendums beeinflusst haben, meint Susanne Marell, CEO von Edelman.ergo. Viele Briten wollten Politik und Wirtschaft mit ihrer Entscheidung anscheinend einen Denkzettel verpassen. Ein nicht geringer Teil scheint beim Referendum seine Stimme abgegeben zu haben, ohne über die Konsequenzen ausreichend informiert zu sein. Für Theresa May wird es nun eine wichtige Aufgabe sein, als neue Premierministerin sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Brexit zu vertreten.  

Allerdings sieht Marell in der gegenwärtigen Situation auch neue Chancen: Politik und Unternehmen sollten das Votum zum Anlass nehmen, ihre Rolle und auch ihre Kommunikationsroutinen zu überprüfen. Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, dass zentrale gesellschaftliche Akteure viele Menschen nicht mehr erreichen, weil keine wirkliche Vertrauensbasis vorhanden ist. Um Lösungen für gesellschaftlich relevante Fragen zu finden, ist dies aber zwingend notwendig.

Denn auch global ist die Tendenz signifikant: Das Vertrauen der informierten Öffentlichkeit in die zentralen Institutionen und die Politik ist wesentlich höher als das der übrigen Bevölkerung. Das Ergebnis des diesjährigen Edelman Trust Barometer fällt daher eindeutig aus - der Vertrauensunterschied wächst. Ein Faktor, der maßgeblich zu dieser Entwicklung beiträgt, ist die steigende Einkommensungleichheit. Weitere Kernerkenntnisse der Trust-Umfrage: Zum fünften Mal in Folge wird Regierungen im Vergleich zu Unternehmen, Medien und NGOs weltweit das niedrigste Vertrauen entgegengebracht. Aber auch Wirtschaftsmanager müssen an ihrem Image arbeiten, denn ein Großteil der Befragten steht CEOs kritisch gegenüber.

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