PR-Hackathon - Drei Appelle nach verrückten 48 Stunden in Frankfurt

von Björn Sievers, Managing Director Technology & Media
  • Statements
20. Februar 2017
Arbeitssituation beim ersten PR-Hackathon in Frankfurt

Der erste deutsche PR-Hackathon war ein großes Experiment. Was würde passieren, wenn Kommunikationsprofis aus Agenturen und Unternehmen auf Designer und Programmierer treffen? Die dpa-Tochter news aktuell hat den Versuch gewagt, mit Unterstützung des Hamburger Next Media Accelerators und einigen Sponsoren, darunter Edelman.ergo.

Klar ist bei einem Hackathon erst einmal nichts. Nun ja, fast nichts. Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Dazwischen lagen an einem Februarwochenende in der Frankfurter Jahrhunderthalle 48 Stunden - und ein paar Mahlzeiten zu vorher festgelegten Zeiten. Welche Projekte die gut 100 PR-Profis, Programmierer und Designer angehen würden: unklar. Wer sich wem anschließt: offen.

Zum Start am späten Donnerstagnachmittag hatten zunächst 20 Teilnehmer ihre Projektideen an alle gepitcht und anschließend nach Mitstreitern gesucht. 13 Teams für ebenso viele Projekte haben sich gefunden - das kleinste bestand nur aus zwei Teilnehmern, das größte aus 13. Das Ziel bis Samstagnachmittag: Die eigene Idee möglichst weit ausformulieren, im besten Fall sogar einen Prototypen entwickeln.

Nach 48 Stunden pitchen die Teams ihre Projekte vor einer Jury (und den anderen Teilnehmern). Vier von 13 konnten einen Preis abräumen. Tusch. Bier, Burger. Abreise. Und Ende. Oder doch nicht? Nicht ganz.

Denn natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die Teams auch nach der Abreise weiter zusammenarbeiten. Viel wichtiger sind aber vielleicht die Erkenntnisse, die sich aus den Projekten insgesamt ziehen und in drei Appellen an die Branche bündeln lassen:

Schluss mit der Handarbeit!

Wir schreiben das Jahr 2017. Software ist wie Luft, sie ist überall. Sie organisiert unsere Kommunikation (E-Mail, Messenger), unsere beruflichen und privaten Beziehungen (LinkedIn, Xing, Facebook), hilft uns bei der Auswahl unseres Urlaubsdomizils (HolidayCheck, Airbnb) und unserer Begleitung (Elitepartner, Tinder). In einem beispiellosen Siegeszug haben Algorithmen es geschafft, alle Bereiche unseres Lebens und Arbeitens zu erobern. Alle? Nun ja, fast.

In PR-Agenturen und Pressestellen von Unternehmen verdienen sich Werkstudenten und Praktikanten ein wenig Geld hinzu, indem sie Clippings sammeln, in Excel-Tabellen eintragen, manchmal aufkleben und - wenn es besonders adrett aussehen soll - sogar in Buchform drucken lassen. Damit das schiere Gewicht der Berichterstattung den Vorstand überzeugen möge, auch im nächsten Jahr wieder in die Pressearbeit zu investieren.

No way! Das haben sich wohl auch die Macher von PR Pulse beim Hackathon gedacht. Sie wollen eine Plattform, in der die Ergebnisse von Medien- und Social Media Arbeit zusammenlaufen und die den Report für den Kunden auf Knopfdruck exportiert - wobei die Software einen Score errechnet, auf Basis der mit dem Kunden vereinbarten KPI natürlich. Reporting 2017, es könnte so einfach sein. Den Preis in der Kategorie Future of Content hat das Team klar verdient.

Und zwei weitere Teams haben mit der Abschaffung von Handarbeit in der PR gewonnen: Team Whizzualy mit einer selbstlernenden Foto-Verschlagwortung und Team Symfluence mit einer Recherche-Plattform für Influencer. Beide Projekte haben großes Potenzial, vor allem für Praktikanten und Junioren. Sie hätten viel mehr Zeit für wirklich spannende Aufgaben.

Handarbeit, sie lebe hoch!

Seit Jahren hören wir Abgesänge auf die Pressemitteilung, und sie lebt immer noch. Media Relations? So 90er! Nope, das alte Handwerk der PR, es ist quicklebendig. Journalisten mögen es heute schwerer haben als noch vor einigen Jahren, weil Redaktionen geschrumpft sind und immer mehr Themen auf dem einzelnen Schreibtisch landen. Für die PR ergibt sich daraus eine Verpflichtung: Wir dürfen diese Schreibtische nicht mit allem fluten, was wir haben. Im Gegenteil, wir müssen immer genauer werden und jeden Journalisten (idealerweise) nur mit den Informationen versorgen, die ihn wirklich interessieren. Und das geht am besten mit: Handarbeit.

Wer als Pressearbeiter sein Handwerk versteht, der weiß, dass der Kern die Beziehungen sind, die der Sprecher mit dem Journalisten aufbaut und der Journalist mit dem PRler. Im besten Fall wissen beide Seiten, was sie voneinander erwarten können. Der Journalist darf erwarten, korrekt informiert zu werden - mit relevanten Inhalten; der Pressesprecher darf damit rechnen, dass der Journalist nachfragt (und sich eine zweite Meinung einholt) und dass er sich an Absprachen hält (und Informationen nicht vor der vereinbarten Zeit veröffentlicht).

Diese Beziehungen sind wertvoll. Auch 2017. Sie auf einer Plattform abbilden zu wollen und von Software regulieren zu lassen, die dem Journalisten den PR-Text oder dem PRler den richtigen Journalisten sucht, daran hat die Jury des PR-Hackthons nicht geglaubt. Beziehungen sind wertvoll, besonders dann, wenn die handgeschöpft und persönlich gepflegt werden.

Gebt der PR (mehr) Code!

Software ist überall. Das haben wir schon festgestellt. Nur die PR tut sich schwer. Klar, wir nutzen Tools. Um Social Media Kanäle zu analysieren etwa. Wir arbeiten auch mit Programmierern, wir bauen Websites und Apps mit ihnen. Zusammen mit Plannern, Kreativen, Grafikern und SEO-Spezialisten gehören sie zu den vielen Kollegen benachbarter Disziplinen, die wir in den vergangenen Jahren umarmt haben. Wichtige Schritte waren das. Nun ist es Zeit für den nächsten.

Die PR schlägt sich seit jeher mit einem Problem herum: der Messbarkeit ihrer Wirkung. Klar, wir helfen Unternehmen und Marken dabei, Reputation aufzubauen! Und wie genau lässt sich der Beitrag von PR beziffern? Natürlich unterstützen wir den Vertrieb! Aber wie schreibe ich den Wertbeitrag in die Bilanz? Spätestens nach dem zweiten Bier sagt jeder PRler ehrlich: Wir wissen es nicht! In einer Welt, in der (fast) alles in Zahlen gemessen wird und immer mehr beziffert werden kann ist das: nicht ideal.

Dabei ist die Unmöglichkeit von Messbarkeit nur eines unserer Probleme. Wir müssen aufhören, unsere Clippings per Hand auszuzählen, unserere Verteiler in Excel zu pflegen (das soll es noch geben) und endlich die Datenbanken, die es gibt zu mehr als einem elektronischen Telefonbuch machen. Wir müssen anfangen mit Daten zu spielen, selbst wenn wir das einfach erst einmal nur so machen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. PR und Coder, das muss das nächste Magic Couple werden. Für Dinge und Dienste, die wir uns nicht vorstellen können, solange wir uns keine Räume fürs Spinnen schaffen.

Das Team Moodbot hat den PR-Hackathon als einen solchen Raum genutzt. Herausgekommen ist eine App, mit der sich Mitarbeiterumfragen in den Unternehmensalltag integrieren lassen - um Stimmungen schnell zu identifizieren.

Es waren wundervolle 48 Stunden in Frankfurt, einige Teams haben Unmögliches geschafft. Aber es waren eben nur 48 Stunden, und wie wir wissen, brauchen Wunder etwas länger. Deshalb: Lasst uns Räume suchen.

Über den ersten deutschen PR-Hackathon

Unter dem Titel Mission PR haben beim ersten deutschen PR-Hackathon im Februar 2017 in Frankfurt gut 100 Kommunikations-Profis, Entwickler und Designer gemeinsam an Zukunftsprojekten für die PR gearbeitet. Die 13 Teams hatten die Aufgabe innerhalb von 48 Stunden neue Ideen und Prototypen für die Kommunikation zu entwickeln. Viele der Projekte drehten sich um Bots, Influencer-Tools und Analyse-Programme. Organisiert hat den Hackathon die dpa-Tochter news aktuell zusammen mit dem Hamburger Next Media Accelerator. Edelman.ergo gehörte zu den Sponsoren und hat den Preis Most Trendsetting vergeben.

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