Innovation trifft „German Angst“ – Vertrauensbaustelle Grüne Gentechnik

von Thomas Fiege
  • Statements
04. Mai 2015
Thomas Fiege, Foto by Gregor Teggatz

Grüne Gentechnik ist ein Streitthema - gesellschaftlich, politisch und medial. Jetzt hat eine Medizinnobelpreisträgerin den deutschen Verbrauchern Ignoranz, Unwissenheit und falsche Vorstellungen von moderner Lebensmittelproduktion vorgeworfen. Aber liegt es nicht gerade in der Verantwortung von Wissenschaft und Wirtschaft aufzuklären und Verbraucher von Innovationen zu überzeugen?

Im Januar war es wieder so weit. Unter dem Motto Wir haben es satt gingen am Eröffnungswochenende der Internationalen Grünen Woche in Berlin mehrere Tausend Aktivisten auf die Straße. Gegen industrielle Lebensmittelproduktion, gegen Gentechnik und für eine bäuerliche Landwirtschaft demonstrierte das Bündnis. Die deutschen Leitmedien berichteten, zeigten das Plakatemeer. Grüne Gentechnik wollen die Deutschen nicht, so zumindest das medial transportierte Bild. Dies schlägt sich auch auf politischer Ebene nieder: Aktuell streitet die Bundesregierung um ein nationales Anbauverbot. 

Der deutsche Verbraucher - Verklärtes Agrarbild und Ignoranz gegenüber Gentechnik? 

In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur hat sich Christiane Nüsslein-Volhard, Medizinnobelpreisträgerin und Direktorin der Abteilung Genetik am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, jetzt über die Haltung der Deutschen gegenüber der Grünen Gentechnik ausgelassen. Sie könne die Ablehnung nicht nachvollziehen, sagte sie und hob Vorteile wie deutlich schnellere Zuchterfolge und einen geringeren Einsatz von Pestiziden bei gentechnisch veränderten Pflanzen hervor, wodurch potenzielle gesundheitliche Risiken verringert würden. Auch global sei die Grüne Gentechnik bereits akzeptiert und weit verbreitet, zum Beispiel bei der Baumwoll- oder Futtermittelproduktion; nicht hingegen in Deutschland.

Während die Deutschen offen gegenüber Technologien aus der Automobilindustrie oder dem Bereich Unterhaltungselektronik seien, bestehe bei der Grünen Gentechnik eine unglaubliche Ingnoranz. Statt die Innovationstechnologie als vorteilhafte Errungenschaft anzuerkennen, haben die Konsumenten eine total romantische Vorstellung von der Nahrungsmittelproduktion und sehnen sich nach dem großelterlichen handbestellten Acker, so die Biologin. Und tatsächlich boomen Zeitschriften, die das idyllische Landleben in Hochglanz für eine urbanisierte Gesellschaft verkaufen, deren einziger Berührpunkt mit der Lebensmittelwirtschaft der Supermarkt ist. Die von Nüsslein-Volhard zitierte Landlust hat mit deutlich über einer Million Exemplaren eine höhere Auflage als Der Spiegel

Die Angst der Deutschen vor Innovationen 

Ein gewisses Risiko gebe es bei allen Innovationen, hebt Nüsslein-Volhard hervor, aber in keinem anderen Bereich seien die Verbraucher so pingelig wie bei der Gentechnik. Die jährlich von Edelman durchgeführte globale Vertrauensstudie Edelman Trust Barometer widmete sich im Jahr 2015 dem Thema Vertrauen in Innovationen. Als ein Kernergebnis konnte festgestellt werden, dass die deutsche Bevökerung im globalen Vergleich skeptischer gegenüber technologischen Neuentwicklungen ist - die Deutschen haben Angst vor Innovationen. 

Beim Thema Grüne Gentechnik besteht eine der größten Vertrauenslücken: Während knapp die Hälfte der Deutschen der Lebensmittelwirtschaft insgesamt vertrauen, ist es bei der Grünen Gentechnik als beispielhafte Innovationstechnologie des Wirtschaftssektors nur ein Viertel. 

Vorwürfe helfen nicht, stattdessen Dialog und Aufklärung 

Den Verbrauchern Ignoranz und Verklärung vorzuwerfen, wird jedoch nicht helfen, ihnen ihre Angst und Verunsicherung zu nehmen und Vertrauen für eine Innovationstechnologie wie die Grüne Gentechnik aufzubauen. Stattdessen liegt es in der Verantwortung der Wissenschaft, die die Technologie weiterentwickelt, und der Wirtschaft, die sie bereits nutzt und zukünftig nutzen möchte, mit den Verbrauchern in Dialog zu treten, aufzuklären und zu informieren. Wenn Nüsslein-Volhard sagt, die Verbraucher hätten wirklich keine Ahnung, wie man Pflanzen züchtet und wovon es abhängt, dass sie gesund sind und wie man sie anbaut, so kann die Antwort nur lauten: Dann muss man es ihnen zeigen - Lösung Kommunikation. Erste Informations- und Dialog-Ansätze gibt es bereits: transGEN bietet ein zentrales Informationsportal; der Grain Club - eine Allianz der Getreide-, Futtermittel- und Ölsaatenwirtschaft - sucht den Dialog auf Twitter. Laut dem Edelman Trust Barometer genießen Akademiker und Industrieexperten das zweithöchste Vertrauen nach der direkten Peergroup (Familie, Freunde, Verwandte). Nüsslein-Volhard und ihr Institut haben damit beste Voraussetzungen.

Gentechnikkritischen Verbrauchern Ignoranz und fehlendes Wissen vorzuwerfen, hilft nicht. Stattdessen liegt es in der Verantwortung von Wissenschaft und Wirtschaft den Dialog zu suchen und aufzuklären, um Vertrauen in eine Innovationstechnologie wie die Grüne Gentechnik aufzubauen.

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