Industrie 4.0: Marketingblase, überflüssiges Übel oder absolut unerlässlicher Fortschritt?

von Tanja Schürmann, Head of Technology
  • Statements
21. März 2016
Industrie 4.0 Marketingblase

Medien, Politiker, Verbände und Vereinigungen sprechen über Industrie 4.0 und die Notwendigkeit von Unternehmen, sich an die veränderten Gegebenheiten in der Industrie anzupassen. Gemeint ist damit die kontinuierlich voranschreitende Vernetzung von Produktionsanlagen nicht nur mit dem eigenen Back-Office, sondern auch mit den Systemen von Partnern, Lieferanten und Kunden. Doch viele Unternehmen - vor allem Mittelständler - scheinen sich zu fragen, ob es nicht auch ohne Vernetzung geht, schließlich lief das Business bislang doch wunderbar.

Dies sind Unternehmen, die sich im Hinblick auf ihr Geschäftsmodell und ihre Unternehmenskultur verändern müssen - wollen sie nicht zum Übernahmeziel werden oder in einigen Jahren vom Markt verschwinden. Angesichts der digitalen Transformation, die in unserer globalen Wirtschaft stattfindet, ob wir wollen oder nicht, müssen Industrieunternehmen Innovationen entwickeln und vorantreiben. Und sie müssen ihre Mitarbeiter und Kunden sowie weitere Stakeholder mitnehmen auf die Reise, gerade auch vor dem Hintergrund, dass dem einen oder anderen die Veränderungen zu schnell gehen. Dies ist aufwändig und erfordert Investitionen, nicht nur in Technologie, sondern auch in Kommunikation - die sich aber bereits mittelfristig auszahlen, da sie die Wettbewerbsfähigkeit stärken und neue Umsatzquellen erschließen. 

Aber ist Industrie 4.0 nicht vielleicht nur ein Marketinghype, gemacht von der deutschen Politik und einigen Verbänden, um die eigene Position zu stärken? Mitnichten, denn dazu sind die Umwälzungen zu einschneidend. Man kann allerdings darüber diskutieren, ob dieser Wandel nun Industrie 4.0, Fabrik der Zukunft oder industrielles Internet genannt werden soll - am Ende kommt es auf die Umsetzung an. Ähnlich wie bei der Implementierung von Netzwerken und anderen Informationstechnologien in Firmen, des Internets bzw. der Cloud und einer höheren Mobility fragen sich viele Unternehmen, wie sie diesen Wandel am besten gestalten können. Hierbei sind nicht nur Technologien notwendig, sondern auch die richtigen Mitarbeiter. 

Genau hier gibt es in Deutschland - wie auch in vielen anderen europäischen Ländern - eine Lücke zwischen Bedarf und Verfügbarkeit. Laut einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) vom Frühjahr 2015 fehlen in Deutschland bis 2029 zwischen 84.000 und 390.000 Ingenieure. Hier geht es nicht nur darum, Schüler bereits für eine Karriere in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu interessieren und sie zu fördern. Sondern Mitarbeiter müssen gefördert werden und entsprechende Trainings und Weiterbildungen erhalten, damit sie den neuen Herausforderungen einer vernetzten Produktionslandschaft gewachsen sind. Denn ohne entsprechend geschulte Teams lassen sich die unterschiedlichen Aspekte der Industrie 4.0 bzw. der Smart Factory nicht voll ausschöpfen. Für beides - Gewinnung neuer Talente und Weiterbildung von Fachkräften - ist Kommunikation unerlässlich. 

Einige Unternehmen haben die Notwendigkeit von Industrie 4.0 bereits erkannt und setzten erste Leuchtturmprojekte durch. Dazu gehören beispielsweise General Electric, die eine eigene Abteilung namens Intelligent Platform gegründet hat. Und die Robert Bosch GmbH, die eine Reihe von Projekten zum Thema Industrie 4.0 vorantreibt (Tim Cole: Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss. Impulse für den Mittelstand. 2015). Unternehmen, die denken, sie könnten Industrie 4.0 und den davon ausgehenden Wandel aussitzen, werden enttäuscht - und mittelfristig nicht mehr existieren. Daher: Vielleicht mag für den einen oder anderen Industrie 4.0 zunächst wie eine Marketingblase oder ein notwendiges Übel aussehen - um im globalen Wettbewerb allerdings auch weiterhin zu bestehen, wird die Umsetzung absolut unerlässlich sein. 

Dabei müssen Unternehmen von Beginn an mit an die Kommunikation denken. Ein Software-Anbieter, der sein Geschäftsmodell vom klassischen Vertrieb weg dreht und seine Lösungen als SaaS in der Cloud anbietet, muss die Vorteile nicht nur seinen Kunden erklären. Auch Investoren und die eigenen Mitarbeiter müssen den Weg nachvollziehen können. Sonst verlieren sie das Vertrauen, mit negativen, möglicherweise sogar verheerenden Folgen für das Unternehmen. Investor Relations, Corporate Communications, interne Kommunikation, insbesondere Change Communication, und eine Produktkommunikation, die traditionelle und neue Zielgruppen erreicht - all diese Komponenten sind elementare Zutaten, damit die digitale Transformation in Unternehmen zum Erfolg wird.

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