Über Journalismus, Utopien und Crowdsourcing - meine re:publica 2018

von Anna Mailänder, Marketing Manager
  • Statements
15. Mai 2018
Republica 2018

Und jährlich grüßt die re:publica. Groß und wild und bunt. Für mich war es mein zweiter Besuch, diesmal unter dem Motto POP - Power of People. Das Angebot an Key Notes, Podiumsdiskussionen, Work Shops, Speaking Corners und jeder Menge VR-Brillen war überwältigend. Bei 20 Bühnen, mehr als 900 Sprechern und Sprecherinnen sowie 500 Programm-Sessions startete ich das Event wie schon beim ersten Mal: Mit einer kompletten Reizüberflutung. Also erstmal ab ins erbsengrüne Bällebad, akklimatisieren.

Meine Highlights - neben dem Bällebad, das wahrscheinlich mindestens 50 Prozent der Besucher einen ihrer Kindheitsträume erfüllt hat? Journalismus mit all seinen Facetten und Cancel the Apocalypse.

Journalismus, klare Haltung und Crowdsourcing

Glanzpunkt des ersten Tages: Die Podiumsdiskussion zu Journalismus und Fake News mit Silke Burmester, freie Journalistin und Autorin, Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, Dunja Hayali, Journalistin und Fernsehmoderatorin und Georg Restle, Moderator des Politmagazins Monitor. Welche Rolle spielen Journalisten heutzutage in unserer Gesellschaft? Sind sie nur dazu da, neutral die Fakten zu liefern, sodass sich Leser und Zuschauer eine eigene Meinung bilden können? Oder sollen - müssen - sie sogar besagte Fakten einordnen, werten und selbst klar Stellung dazu beziehen?

Silke Burmester bringt es gleich zu Beginn der Diskussion auf den Punkt: Es gibt unterschiedliche Rollen, in denen unterschiedlich berichtet wird. Wie so oft zieht hier also eine meiner Lieblingsantworten: Es kommt darauf an. Es kommt darauf an, für welches Medium publiziert wird, es kommt darauf an, in welches Genre der Beitrag fällt. Natürlich halte ich mich bei einer Nachricht mit meiner eigenen Meinung zurück. Verfasse ich aber einen Kommentar, ist meine Meinung sehr wohl gefragt, nein, sie wird sogar erwartet. Kai Gniffke gibt zu bedenken, dass Nachrichtensendungen wie Tagesschau und Tagesthemen einerseits den gesellschaftlichen Diskurs abbilden und sich um Objektivität bemühen müssen. Themen, die der Redaktion ggf. auch einmal missfallen, müssen dennoch systematisch angegangen und Fakten geliefert werden. Andererseits hat jeder Mensch in Deutschland das Recht, die eigene Meinung kundzutun - solange er sie dann auch entsprechend kennzeichnet. Im Netz verschwimmen die Genres mehr und mehr, stellt Dunja Hayali fest. Ein Beispiel sind hier polemische Blogs, die mit Empörung Klicks - und damit auch Geld - generieren, aber aus journalistischer Sicht grob fahrlässig agieren. Es geht um große Begriffe wie Objektivität und Neutralität, Qualität und Transparenz im deutschen Journalismus und der Medienwelt. Letztendlich geht es auch um Professionalität - und darum, dass gute Recherche oft einfach Zeit braucht. Mehr Zeit, als manchen Journalisten und Journalistinnen manchmal eingeräumt wird, um fundiert auf Fragen zu antworten. Den Vieren auf dem Podium hätte ich noch ewig weiter zuhören können!

Von den großen Etablierten zu den jungen Wilden: Zu Crowdspondent - Deine Reporter. Lisa Altmeier und Steffi Fetz gründeten Crowdspondent gemeinsam in 2013. Das Prinzip ist simpel: Leser und Zuschauer reichen Rechercheideen ein, die die beiden gelernten Journalistinnen umsetzen - als ganz persönliche Reporter der Zielgruppe. Dazu gibt es jedes Jahr ein Crowdfunding und dann die entsprechenden Reportagen: Leben in Rio de Janeiros Favelas zur Fußball-WM, Japan fünf Jahre nach Fukushima und jetzt ganz aktuell ein Beitrag über die Frage Wie geht es Griechenland heute?.

Cancel the Apocalypse

Sicherheit im Netz, Datenklau und -missbrauch, Fake News, permanente Überwachung - keine rosigen Aussichten. Als wahrscheinlich prominentester Gast sprach Chelsea Manning über all das und auch über zivilen Ungehorsam, radikale Politik und die Folgen einer unkontrollierbaren Staatsmacht. Aber: Dieses Jahr tauchte auch Cancel the Apocalypse auf. Großartig, endlich reden wir nicht nur über das Ende unserer Zivilisation, sondern auch mal über eine positive Zukunft. Endlich mal Utopie statt Dystopie. Aber wie denkt man sich das wohl aus, so eine Utopie? Irgendwie fällt es uns Menschen leichter, schlimme Szenarien auszutüfteln, als schöne. Als Sprecher Steve Lambert, Künstler und Aktivist mit Rauschebart aus Los Angeles, das Publikum fragt, wie wir unsere Welt in den kommenden 12 Monaten zugrunde richten könnten, wirft ihm das Publikum quasi auf Knopfdruck jede Menge Ideen zu. Aber wie wir sie denn in derselben Zeit retten könnten, da kommt - fast nichts außer reichlich Stille. Daher hat Steve Lambert gemeinsam mit Stephen Duncombe, Professor of Culture and Communication in an der NYU, das Center for Artistic Activism (C4AA) gegründet. Die beiden glauben, dass klassischer Aktivismus meist zu platt, zu farblos ist, dass er aber auch eine Form der Kunst sein kann. Nicht umsonst haben die bedeutendsten Politiker unserer Geschichte sich immer wieder an der Kunst bedient, um Kampagnen für sozialen Wandel erfolgreich anzustoßen. Im C4AA werden die Verbindungen zwischen sozialem Aktivismus und künstlerischer Praxis erforscht, analysiert und gestärkt. Klingt abstrakt? Ja, vielleicht. Und ziemlich cool!

Moderne Analysesysteme und Prognose-Algorithmen helfen uns quasi als moderne Orakel, die Zukunft vorauszusagen. Sie leiten Muster und Trends aus der Vergangenheit ab und prognostizieren diese in die Zukunft. Was aber für den Straßenverkehr und Wetter vielleicht klappen mag, funktioniert für politische Ergebnisse schon lange nicht mehr. Das wissen wir spätestens seit dem Wahlergebnis der vergangenen US-Präsidentschaftswahlen. In extrem spannenden 23,5 Minuten gibt Mushon Zer-Aviv, Designer und Medienaktivist aus Tel Aviv, uns einen Schnellabriss über die Macht der datenbezogenen Determinierung (Algorithmen, die Voraussagen treffen), wie sich diese auf Politik und das soziale Leben auswirkt, was das mit Dystopien und Utopien zu tun hat. Und er gab Tipps wie wir es schaffen, uns unsere (politische) Vorstellungskraft zurückzuholen, um uns neue, bessere Zukunftsvisionen auszumalen - und der Apokalypse entgehen. Was die Vorstellungskraft angeht, haben wir Menschen den Algorithmen gegenüber einen ganz klaren Vorteil: Algorithmen forecasten auf Basis des Vergangenen, das sie dann wieder auf die Zukunft anwenden. Also keine Besserung der Verhältnisse in Sicht, alles wie immer. Wir Menschen aber haben unsere Wünsche und Träume, unsere Phantasie, auf Basis derer wir uns die Zukunft ausmalen können. Zer-Aviv setzt daher auf das sogenannte Backcasten, die coolere Schwester von Forecasten: Anstatt die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten, überlegen wir uns, was für eine Zukunft wir uns wünschen - und leiten davon dann die Schritte ab, die wir gehen müssen, um unsere Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Und so gibt es nicht nur eine Zukunft, sondern immer viele verschiedene Möglichkeiten einer Zukunft. Wir sollten also nicht nur das Wahrscheinliche, das Mögliche, sondern auch das Wünschenswerte berücksichtigen. Dafür braucht es nicht immer gleich ein komplettes Utopia. Aber Utopien sind gute Wegweiser in die richtige Richtung.

Fazit: Ich habe einen bunten Strauß an Vorträgen gehört, noch mehr verpasst und viel zu Denken mit nach Hause genommen. Und ich habe endlich bällegebadet. Mein Besuch war erfolgreich.

Hier gibt´s die Videos zur re:publica 2018.

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