„Auf dem Weg an die Spitze ist es besonders wichtig, die eigenen Ziele stets klar zu formulieren sowie sich seine Chancen selbst zu erarbeiten"

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02. Juli 2015
Susanne Marell: CEO, Edelman.ergo

Als CEO einer der führenden PR-Agenturen in Deutschland hat Susanne Marell die bisher höchste Stufe ihrer Karriereleiter erklommen. Privat ist sie außerdem Ehefrau und Mutter eines siebenjährigen Sohnes. Wie sie ihr Familienleben mit ihrer Karriere vereinbart, was sie zum Thema Frauen in Führungspositionen denkt und welche Fähigkeiten für eine moderne, weibliche Führungskraft unverzichtbar sind, erklärt sie im Interview mit der Studentin Yvonne Lindner für das Magazin Durchblick der Universität Hohenheim.

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Empirische Studien belegen: Frauen sind heute besser ausgebildet als je zuvor. Mindestens die Hälfte aller Hochschulabsolventen sind weiblich. Warum gelangen dennoch nur wenige Frauen in eine Führungsposition?

Susanne Marell: In Deutschland nehmen Themen rund um die Familienplanung und Kinderbetreuung auch in heutiger Zeit noch einen sehr breiten Raum in der öffentlichen Diskussion ein. Anders sieht es zum Beispiel in Frankreich aus. Dort begegne ich regelmäßig Frauen, die trotz ihrer Karriere im Einklang mit Kindern und Familie leben und das mit Erfolg. Beruf und Familie zu kombinieren, ist hier eine Selbstverständlichkeit: Wenn meine französische Kollegin eine Führungsposition bekleidet, dadurch weltweit geschäftlich unterwegs ist und obendrein noch drei Kinder hat, so ist das in ihrem sozialen Kontext etwas völlig Normales. Ich dahingegen werde oft als Ausnahme gesehen und das trotz nur einem Kind, wohlgemerkt. 

Und was sind aus Ihrer Sicht nun die wichtigsten Fähigkeiten und Eigenschaften, um ein Unternehmen oder eine Agentur führen zu können?

Susanne Marell: Grundsätzlich vertrete ich die Auffassung, dass man immer nur dann gut sein kann, wenn man auch wirklich authentisch ist und sich nicht für irgendetwas verbiegen lässt. Diese ganzen Karrieren, bei denen sich die Menschen ständig anpassen, um es in ihrem Beruf ganz nach oben zu schaffen, können auf Dauer einfach nicht gesund sein. Natürlich sollte man als angehende Führungskraft aber auch ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen und eine hohe Entscheidungsfreudigkeit mitbringen, denn das wird von einem in dieser Position schlichtweg abverlangt. Auf dem Weg an die Spitze ist es außerdem besonders wichtig, die eigenen Ziele stets klar zu formulieren und auch zu kommunizieren sowie sich seine Chancen selbst zu erarbeiten. Man darf also nicht darauf warten, dass man eines Tages wie Dornröschen wachgeküsst wird (lacht).

Müssen Frauen also ihre weiblichen Attribute in einer Führungsposition ablegen, um erfolgreich zu sein?

Susanne Marell: Wenn Sie mich fragen: Nein, auf gar keinen Fall! Denn spätestens dann würden Frauen in Führungspositionen nicht mehr authentisch sein. Während meiner gesamten Karriere habe ich bislang noch nie versucht, etwas von einem Mann übermäßig zu kopieren. Das wäre in meinen Augen einfach falsch, denn dadurch würde ich mich und meine Person nur selbst verleugnen. Ganz abgesehen davon bin ich der Ansicht, dass es in der heutigen Zeit vielmehr darauf ankommt, zu überlegen, welche Form von Führungsstil die deutsche Wirtschaft erfolgreich durch die nächsten Jahrzehnte bringen wird.

Wie meinen Sie das genau?

Susanne Marell: Nun ja. Es hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass viele klassische Führungsstile langsam, aber sicher in einer Sackgasse enden. Ein Vorstand muss heutzutage mit seinen Anspruchsgruppen stärker als je zuvor in den Dialog treten. Er muss ihnen zuhören und kann nicht mehr nur allein und unabhängig von ihnen entscheiden. Auf lange Sicht wird er sich zum Manager eines vernetzten Dialoges weiterentwickeln müssen - ganz gleich, ob männlich oder weiblich. Und genau das wird schließlich dazu führen, dass in der Zukunft insbesondere die weiblichen Attribute verstärkt in den Führungsstil mit einfließen werden.

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Die Frauenquote bleibt in Deutschland auch weiterhin ein kontrovers diskutiertes Thema. Wie ist Ihre generelle Haltung dazu? Könnte man die Wirtschaft auch ohne ein solches Druckmittel zu mehr Frauen in Führungspositionen bewegen?

Susanne Marell: In einem anderen Kontext habe ich dazu einmal gesagt, dass ich grundsätzlich nicht für eine Frauenquote bin, die Diskussion um dieses Thema aber durchaus als wichtig erachte, da sie meiner Meinung nach etwas in Gang gesetzt hat. Persönlich wäre ich in meinem Leben nur äußerst ungern über die Quote in eine leitende Position gelangt. Das liegt aber auch daran, dass ich immer schon über meine Leistung und nicht über mein Geschlecht definiert werden wollte. Wenn ich nun aber einmal die politische Debatte betrachte, kombiniert mit meinem Wissen über und meinen Erfahrungen in Führungsetagen, so habe ich das Gefühl, dass sich das System in Deutschland nicht schnell genug ändert und eine gewisse Form von Druck braucht. 

Würden Sie der Aussage zustimmen, dass Frauen schon allein durch die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, in ihren Karrierechancen eingeschränkt werden?

Susanne Marell: Ja, momentan ist das die harte Realität (seufzt). Leider! Das liegt zum einen daran, dass wir in Deutschland bislang noch kein umfassendes Angebot an Betreuungseinrichtungen vorliegen haben, wie es beispielweise in Frankreich der Fall ist. Daneben spielt es aber immer auch eine Rolle, wie die Gesellschaft selbst mit einer solchen Thematik umzugehen weiß. Und allein schon die Tatsache, dass Frauen, die sich sowohl für ihren Beruf als auch für ihre Familie entscheiden, in Deutschland oft als sogenannte Rabenmütter herabgestuft werden, macht deutlich, wie konservativ wir in unserer eigenen Denkweise teilweise noch sind. 

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